Kontext
Pflege ist ein Dauerthema in den Medien, doch die Debatte kreist fast immer um dieselben zwei Fragen: Woher sollen neue Pflegekräfte kommen, und wer bezahlt neue Einrichtungen? Wer kaum gehört wird, sind die Angehörigen, die die Arbeit längst leisten. In Deutschland werden rund 73 % der pflegebedürftigen Menschen zu Hause versorgt – drei Viertel davon von Familie, Freund:innen und Bekannten. Je nach Krankheitsbild kann diese Pflege zwölf Stunden am Tag oder mehr in Anspruch nehmen: Krankheiten managen, Arzttermine, Ernährung, Haushalt und oft auch die Körperpflege. Das ist zehrend – und auf Dauer geht es an die eigene Gesundheit.
OTIS ist eine App für Smartphone und Wearable, die pflegenden Angehörigen hilft, ihren Tag zu planen – und bewusst Zeit für sich selbst einzuplanen. Es war mein Bachelorprojekt im Studiengang Interactive Media Design an der Hochschule Darmstadt, das wir zu zweit als Team entwickelt haben, rund um eine klare Aufgabe: Menschen in einer fordernden Situation unterstützen, ohne sie noch weiter von der Person abzulenken, die sie pflegen.
Discovery
Dem Konzept gingen mehrere Wochen Recherche voraus: Wie ist Pflege in Deutschland organisiert, wo entstehen Reibungspunkte, und wo könnten wir als Designer:innen tatsächlich etwas bewirken? Ein Muster tauchte immer wieder auf: Pflegende Angehörige wurden als gegeben behandelt – als ein Teil, der schlicht seine Pflicht zu erfüllen hat, und selten als Gegenstand des Gesprächs. Genau sie wollten wir in den Vordergrund stellen.
Uns war wichtig, uns nicht allein auf Artikel und Bücher zu verlassen, sondern mit Menschen zu sprechen, die Pflege täglich erleben – sowohl mit professionellen Pflegestützpunkten als auch mit pflegenden Angehörigen selbst.
„Wir sind nicht krank, wir sind nur Angehörige." — Pflegende:r Angehörige:r
Die Ergebnisse der Zielgruppenforschung haben wir in zwei Personas verdichtet, die typisch für eine deutsche Pflegesituation sind: Ehe- oder Lebenspartner:innen tragen den Großteil der Verantwortung, mit kleineren Beiträgen von Kindern oder Enkelkindern.
Die Idee
OTIS sollte Pflege planbar machen und die Zusammenarbeit – mit Familie, Freund:innen und professionellen Diensten – erleichtern. Dafür haben wir die heute schon weit verbreitete Pflegedokumentation mit David Allens Methode Getting Things Done kombiniert, damit Pflegende den Überblick behalten, was zu tun ist, und bei Bedarf leichter um Hilfe bitten können.
Die Dokumentation hält die kleinen, entscheidenden Details fest, die es anderen ermöglichen einzuspringen: Welche Zahnpasta bevorzugt die Person? Wie kann sie beim Rasieren noch selbst mithelfen? Besonders wertvoll ist das für professionelle Dienste – in mehreren Interviews hörten wir, wie belastend es für pflegende Angehörige ist, dieselben Informationen immer wieder für ständig wechselndes Personal aufzubereiten.
Das Konzept selbst ist bewusst einfach: den Tag planen, Pflegeaufgaben erfassen und dokumentieren und sie bei Bedarf direkt aus der App heraus teilen – wobei Zeit für die pflegende Person fest eingeplant ist, statt drumherum gequetscht zu werden.
Designprozess
Die frühe Arbeit trug das Paper-Prototyping. Das Herzstück der App – die Agenda – begann als Klebezettel, die wir hin- und herschoben, um schnell zu testen, welche Metaphern tragen. Vielversprechende Ideen wanderten dann nach Adobe XD und InVision Studio.
Paper-Prototyping der OTIS-Agenda mit Klebezetteln
Sobald die Grundlage und eine Designsprache standen, entwarfen wir einen vollständigen Plan über alle Funktionen hinweg – für das Smartphone und seinen Begleiter auf der Smartwatch. Dieser Plan war der beste Schutz gegen Feature Creep: Mit einem klaren Bild vom Ziel fällt es deutlich leichter, dabei zu bleiben.
Übersicht der OTIS-App-Screens auf Smartphone und Smartwatch
Ergebnis
Der finale Prototyp ist ein vollständiger Durchlauf der Kernfunktionen von OTIS auf beiden Geräten – in unserem Fall einem iPhone und einer Apple Watch – vom Planen des Tages bis zum Dokumentieren und Teilen von Pflegeaufgaben. Den Prototyp-Walkthrough auf Vimeo ansehen.
Animierter Prototyp, der das Interaktionsverhalten von OTIS zeigt
Als eines meiner ersten durchgängigen Designprojekte hat OTIS ein Muster geprägt, das ich seitdem beibehalten habe: das Konzept in echten Gesprächen mit den Betroffenen verankern und den Umfang von einem klaren Plan zusammenhalten lassen.